Maria Lehnen  - Skulpturen und Malerei

 Verblüffend ist die Stringenz, die sich einem roten Faden gleich durch das vielschichtige Oeuvre von Maria Lehnen zieht. Von gleich bleibender Intensität zeugen Inhalt und Formensprache ihrer Werke, in denen der Mensch, das überaus fragile Mensch-Sein den vorherrschenden Impetus ausmachen. Insbesondere in den frühen Arbeiten der 57-Jährigen kündet ein unwägbares Auflösen der Konturen von jener Verletzbarkeit des Seins. Skulptural und energetisch weiterentwickelt zeigt sich dies in den Form aufbrechenden  »Wings«-Objekten: Die zersetzende Glut der »Burning Wings«, sie schwingt noch weiterhin in den dem freien Falle preisgegebenen Flügeln, denen die Rettung versagt zu bleiben scheint. Es ist jedoch nicht das Ausweglose, das Verlorene, das Maria Lehnen antreibt. Vielmehr ist es die Hoffnung, die nicht im Klischee abtaucht, sondern die in ihrer unerschütterlichen Kraft erfahrbar wird. Und so ist die Intention der Künstlerin, »dass ein jeder sich nicht im Schmerz verliert, sondern die Möglichkeiten einer Hoffnung für sich entdeckt«. Behutsam, unaufdringlich lässt sie dies in ihrer Skulpturenserie »Menschenschimmer« anklingen. Das durch die Polyesterarbeiten dringende Licht verströmt jene Energien, die ein Erdulden, ein Bestehen, den Weg zu einem glücklichen Sein erst ermöglichen.

Dass dieser Weg von oftmals elementaren Widrigkeiten, von Zerrissenheit und auch von Ohnmacht gesäumt ist, davon zeugen vor allem die Arbeiten der 1980er Jahre. In den »Schnürungen«, die ein wesentliches Merkmal der Werke von Maria Lehnen bereits vorwegnehmen, wird deutlich, wie bedrückend und doch pulsierend sich der Kampf gegen die Zwänge, die Angst, das Leid gestalten kann.

Maria Lehnen, 1949 in Nettetal-Lobberich geboren, hat bereits während ihres Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie das Jenseitige des Existentiellen, das Hintergründige menschlichen Seins thematisiert. Spannungsvoll und um Erkenntnis wissend, hat sie das Aufweisen seelischer Verwundbarkeit und tiefen Schmerzes niemals gescheut. Doch auch hier genügt ihr ein Anstoßen der Empfindsamkeit. Beinahe sanft, zurückhaltend in Farbgebung und Gestus, und dadurch umso eindringlicher, verleiht sie ihrer malerischen Serie »Leidenstuch« sowie dem »Schweißtuch« viel sagende Präsenz. Das Diffuse, Verfahrene jener Malerei setzt sich bis in die jüngsten Arbeiten fort. Aus der fotografischen sowie bildnerischen Transformation der Bronzeskulptur »Großer Sitzender«, der seit 2004 seinen Blick von den Stufen des Museums am Dom Würzburg gen Himmel erhebt, ist ein umfassender Werkkomplex entstanden. Ungeahnt, in serieller, malerischer Umkehrung begegnet man ihm nunmehr in den »16 Träumern«. Ähnlich wandelte sich auch die skulpturale Standfigur, die sich - als »Silhouette« nunmehr aber klar umrissen - vor dem Ungewissen der dunklen Tiefe abhebt. Im »Diptychon« kulminieren schließlich die Kräfte, lassen die in Blau sich verlierenden Strudel Visionäres erkennen, das bis zur Seele dringt. Ungebrochen darin: zwei Gestalten, die, auf einem Weg und doch getrennt, den zehrenden Strömungen Stand halten. Einander zugewandt lassen sie die Kraft der Hoffnung ahnen. − Wenn Maria Lehnen sich nach ihrer Arbeit an den Plastiken der Malerei zuwendet, ist ihr das »eine seelische Gleichung«. Malerei ist für sie das, was in der Plastik darzustellen nicht möglich ist.

Dabei ist es viel, was sie in ihren Plastiken verinnerlicht zur Darstellung bringt. Sowohl ihre Bronzen als auch insbesondere ihre überlebensgroßen erdigen Skulpturen tragen ein tief verwurzeltes Bewusstsein, eine meditative Konzentration in sich. Gesammelt, vermeintlich geschlossen in der Form, im Dunkel des Materials gehüllt, ist es nicht das Unversehrte, das sie preisgeben. So sind manche Partien nicht oder nur im Ansatz ausgearbeitet, und groß sind die Flächen, die inneren und äußeren Widrigkeiten ausgesetzt sind. Die subtil kraftvolle Anspannung, die sie kennzeichnet, lässt schlussendlich jedoch auf ihre innere Stärke schließen. Die Figuren von Maria Lehnen bleiben niemals statuarisch. Sie wahren auch geistige Bewegung sowie Energien in sich, die auf ihr Hervorkommen zu drängen scheinen. Im Gestus der ausgestreckten Hand sowie im raumgreifenden Öffnen der Arme zeigt sich schließlich auch körperlich die Befreiung aus der Verharrung, das Streben nach Begegnung.

Die Künstlerin visualisiert jenen Entwicklungs-Prozess in den zu Ausstellungen konzipierten Performances »Skulptur & Jazz − con moto«. Dabei lösen sich auserlesene Jazzmusiker aus ihrer Stoffumhüllung und beginnen das Spiel. Stets ist es ein spannungsreiches Erleben der musikalischen Improvisation, das im Dialog mit den Skulpturen steht. Und auch hier schließt sich der Kreis, denn Maria Lehnen weiß: »Letztlich geht es doch bei allem um die Energie, an die man glaubt. Um das, was uns mit auf den Weg gegeben wurde und das, was wir im Glauben an die uns teilhabende Kraft zu bestehen haben«.  

Dr. Barbara Maiburg